Jugendliche probieren sich handwerklich aus

„Ursprünglich wollte ich gerne einen Einblick in einen sozialen Beruf bekommen. Ich habe mich mehrfach für ein Praktikum in den Sommerferien beworben. Es hat mich aber mit dem Hinweis auf die Pandemie-Lage niemand genommen. Da habe ich gedacht, versuche ich es mal mit der Elektrotechnik. Es ist zwar nicht das, was ich geplant hatte, aber ausprobieren wollte ich es wenigstens“, schildert die 14-jährige Laura ihre Beweggründe, an dem Ferienkurs „Eine Woche berufliche Orientierung“ in der Berufsbildungsstätte Westmünsterland in Ahaus teilzunehmen. Zu einer morgendlichen Zeit, zu der sich ihre Schulkollegen vermutlich noch einmal in ihrem Bett umdrehen, macht sich die Jugendliche auf den Weg, um in Theorie und Praxis ein Arbeitsfeld kennenzulernen, zu dem sie bislang eher sporadisch Kontakte hatte. „Mein Bruder lernt Landmaschinentechniker. Dem helfe ich manchmal ganz gerne“, begründet sie ihre Motivation, sich an dem zusätzlichen freiwilligen Angebot der Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss “ (Förderung durch das Landesprogramm KaoA: Arbeitsagentur, MAGS, Land NRW) zu beteiligen. Im Rahmen der fünftägigen Kurse „Praxiserfahrungen vertiefen“ - neben Elektrotechnik ist auch der Holzbereich vertreten - können die Acht-, Neunt- und Zehntklässler sich hier umfassend erproben.

Die zwölf Teilnehmenden des Elektrokurses - Laura ist das einzige Mädchen in der Gruppe - kommen aus Ahaus, Gescher, Stadtlohn oder auch aus Nienborg. Sie reisen morgens mit dem Bus an, strampeln den Weg per Rad oder nutzen mitunter das „Taxi Mama“. „Es lohnt sich aber“, sagt Jaron. Der 16-jährige Stadtlohner „hat sich schon immer für Elektrotechnik interessiert und möchte sich in dem Bereich später ausbilden lassen.“ Die Kursteilnahme hatte ihm seine Mutter empfohlen: „Ich habe mich dann freiwillig angemeldet“, unterstreicht er. Entsprechend begeistert geht das Team auch an die Arbeit, wie BBS-Geschäftsführer Hermann Wansing bei seinem Rundgang mit Kreisdirektor Dr. Ansgar Hörster, Daniel Janning, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Borken in der Geschäftsstelle Ahaus, sowie Stefan Röhring, Unternehmer aus Vreden und zugleich Obermeister der Elektroinnung in Ahaus, wohlwollend zur Kenntnis nehmen.

Viele der sonst üblichen Orientierungsmessen und Praktikumsmöglichkeiten sind in der Corona-Zeit der zurückliegenden Monate auf der Strecke geblieben. Betriebe suchen nach Auszubildenden - werden allerdings nicht immer fündig. „Die Zahlen - vor allem im Kreis Borken – sind nicht ganz so schlecht, wie befürchtet. Im Kammerbezirk gibt es einen Rückgang von 15 Prozent, im Kreis Borken liegen wir bei sechs Prozent“, listet Daniel Janning auf. Trotzdem kämen auf jeden Auszubildenden zwei freie Stellen. „Gerade hier im ländlichen Raum müssen wir die Anstrengungen bei der Werbung um Nachwuchs weiterhin verstärken. Der Demographie-Wandel ebenso wie der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen lassen den Fachkräftemangel im Handwerk immer gravierender werden“, erklärt auch Kreisdirektor Dr. Ansgar Hörster. „Leider ist seit dem vergangenen Frühjahr vieles auf der Strecke geblieben, was diese Region stark gemacht hat.“

Die Kreishandwerkerschaft wie auch die Betriebe selbst versuchen deshalb, viele Register zu ziehen und sich breit aufzustellen, um junge Menschen anzuwerben und zu begeistern. Angefangen bei den Social-Media-Kanälen, die sie bespielen, bis hin zu Aktionen, bei denen nicht die Chefs selbst, sondern die Lehrlinge den Interessenten Rede und Antwort stehen, reicht das Spektrum.

Auf der anderen Seite habe die Pandemie-Zeit gezeigt, dass speziell im Handwerk - ausgenommen etwa Frisöre - kaum von Kurzarbeit oder Auftragsmangel die Rede sein konnte. Im Gegenteil: Mehr und mehr Privatleute wenden sich wieder an die Betriebe und holen sich dort fachlicher Unterstützung etwa für Heim und Garten. „Dass das Handwerk immer noch goldenen Boden hat, schlägt hier einmal mehr durch“, sind sich BBS-Geschäftsführer Hermann Wansing und seine Gäste einig. Obermeister Stefan Röhring geht sogar noch einen Schritt weiter: „Viele Auszubildende und auch die Gesellen haben erkannt, dass wir als Chefs inzwischen weitaus mehr tun als die Mitarbeitenden nur als Arbeitskraft zu sehen. Viele Betriebsleiter unterstützen nicht nur im beruflichen, sondern ebenso im privaten Bereich, wenn dort Bedarf herrscht. Das Ego ist wichtiger als der Euro. Das ist angekommen.“ Deshalb sei das Zusammenspiel aller Akteure in Bezug auf eine erfolgreiche Nachwuchswerbung bedeutsam, fasst der Kreisdirektor zusammen: „Wenn Bildungsträger wie die BBS jungen Menschen die Chance bietet, sich auszuprobieren und vielleicht ungeahnte Fähigkeiten oder Talente zu entdecken, hat das einen hohen Wert.“

Übrigens: Auch Mädchen und Frauen sind im Handwerk gerne gesehen. Die meisten von ihnen sind überaus erfolgreich in ihrem Beruf. Daniel Janning: „Bei den Abschlüssen liegen Frauen fast überall ganz vorne in der Prüfungsbewertung.“

Dazu gibt es auch ein Video: https://we.tl/t-MNrAz9kmqk

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