2500 Menschen - zusammengepfercht zum Arbeiten und Schlafen in einer unterirdischen Röhre. Tag und Nacht ohne natürliches Licht. Wer diese Prozedur nicht überlebte und beim Arbeiten zusammenbrach, dessen Leichnam wurde kurzerhand überbetoniert. „Das sind alles Feinde der Volksgemeinschaft“, hatten die Nationalsozialisten ihr Tun vor mehr als 75 Jahren gerechtfertigt. Eine Haltung, die bei den meisten Besuchern der Rüstungs-Produktionsstätte Mittelbau-Dora auch heute, Jahrzehnte später, noch Gänsehaut und Unverständnis impliziert. Nicht viel anders ging es jetzt den 20 Teilnehmenden der Gedenkstättenfahrt, die das Berufsorientierungszentrum (BOZ) der BBS auch in diesem Jahr wieder organisiert hatte.
Die 17 weiblichen und drei männlichen Teilnehmer - im Alter zwischen 17 und 20 Jahren - aus dem Bereich Ausbildung und Berufsvorbereitung „waren an vielen Stellen schockiert über das, was an dem Ort, wo sie jetzt standen, vor nicht mal 76 Jahren passiert ist“, berichtet Herbert Nadirk, der die Exkursion seit vielen Jahren leitet. „Es ist stets etwas Anderes, ob man über dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte und die KZ-Zwangsarbeit Fakten in einem Klassenraum in der Schule erfährt, oder ob man am Ort des Geschehens die Eindrücke erlebbar aufnimmt“, sagt der BOZ-Bildungsbegleiter. „Man kann sich die Alltagssituationen, denen die Häftlinge damals ausgesetzt waren, in Mittelbau-Dora direkt vorstellen: Es war stockdunkel, sechs Grad kalt, zwölf-Stunden-Schichten mussten durchgestanden werden - viele der Jugendlichen waren fassungslos und fragten sich, wie so ein Vorgehen legitimiert werden konnte.“
Doch nicht nur die Erinnerung an die Vergangenheit war Ziel der freiwilligen Fahrt: „Wir haben natürlich in der Gruppe auch Bezug zum Jetzt und Heute hergestellt“, betont Herbert Nadirk: „Andere nicht abzuwerten, sondern zu akzeptieren. Egal, welcher Nationalität, welcher Religion oder welchem Geschlecht sie angehören, muss eine Selbstverständlichkeit sein.“
Die KZ-Gedenkstätte Buchenwald, aber auch die Stadt Weimar waren weitere Ziele der Ahauser. „Vor dem Hintergrund der anstehenden Europawahl hatten wir da ganz aktuelle Ansatzpunkte“, so der BOZ-Mitarbeiter. Gemeinsam mit seinen Team-Kollegen Dennie Hanel, Theresia Benkhoff und Ludger Bengfort zog er mit den jungen Teilnehmern einen Vergleich, wie sich Europa von rund 80 Jahren und wie es sich heute präsentiert. „Demokratie kommt nicht von alleine, sie muss man leben und praktizieren“, so das allgemeine Fazit.
Der Weimar-Besuch stand ebenfalls unter diesem Aspekt. „Da gab es einerseits die kulturell geprägte Stadt mit ihren berühmten Persönlichkeiten wie Goethe und Schiller, auf der anderen Seite hat Hitler Weimar stets als seine ‚heimliche Hauptstadt‘ betitelt“, weiß Herbert Nadirk zu berichten.
Es war viel „Input“, das die Gedenkstättenfahrt auch in diesem Jahr wieder vermitteln konnte. „Die Teilnehmenden hatten sich darauf aber auch sehr gut vorbereitet“, lobte Nadirk. Und bei aller wichtigen Wissensvermittlung und Betroffenheit: auch die Gemeinschaft, das Reden und Lachen miteinander, kam in diesen Tagen nicht zu kurz.